Die Familie Onsowicz
Lenkt man seine Schritte von der Mitte des Ortes in Richtung Niederdorf, so muß man sich auf der Höhe des Kretscham nach links wenden, um zum Haus der Familie Onsowicz zu gelangen. Sie
wohnen in Oleszna Podgorska, Nummer 131. Das ist in den Gassen, wie man zur deutschen Zeit zu sagen pflegte. Die Familie Onsowicz, das sind Boguslaw Onsowicz, seine Frau Anja und die kleine Tochter
Izabella. Auch Großvater Bronislaw Onsowicz, der Vater von Boguslaw, wohnt mit im Haus. Wir schreiben das Jahr 2009.
Bronislaw, Boguslaw, Maria und Edward OnsowiczDie Familie Onsowicz stammt ursprünglich weit aus dem Osten, einem Gebiet, daß heute zur Ukraine gehört. Damals heisst der Ort Polachowo und liegt in der Nähe von Kamieniec Podolski. Polachowo ist
ukrainisch und bedeutet "polnisches Dorf". Es ist eigentlich polnisches Gebiet, wird aber 1772 von Russland annektiert. Polen leben friedlich mit Ukrainern zusammen. Bis heute leben dort auch noch
polnische Familien. Man bewirtschaftet dort einen Bauernhof und ist eine glückliche Familie. Es ist zu Beginn der dreissiger Jahre im 20. Jahrhundert. Der Genosse Stalin will die Polen vertreiben und
schikaniert die polnische Bevölkerung. Der NKWD, der russische Geheimdienst, denunziert die Familie als Großbauern, die es zu bekämpfen gilt.
Es ist das Jahr 1932, Bronislaw Onsowicz ist noch ein kleiner Junge von 12 Jahren, als in einer dunklen Nacht russische Soldaten in das Haus eindringen und ein Bekenntnis zu Russland verlangen. Die
Familie ist tapfer und bekennt sich zu ihrem Polentum. Die Soldateska gewährt eine Stunde Zeit um den Hof zu verlassen. Mitgenommen werden darf nur, was jeder tragen kann. Die Familie Onsowicz wird
zur Bahnstation transportiert und verliert in einer Stunde unverhofft alles was sie hat. Hof, Haus, Besitz und Heimat. Sie wissen noch nicht, daß sie ihre Heimat nie mehr wiedersehen werden. Mit
anderen polnischen Familien werden sie in Viehwaggons verbracht. Alle haben Angst, denn niemand weiss, was weiter geschieht. Zwei Wochen dauert die Fahrt in den Eisenbahnwaggons. Es geht nach
Karaganda in Sibirien. Ungefähr 40 Prozent überleben den Transport nicht. Die Familie Onsowicz überlebt.
Dort erwartet sie nichts als Not, Elend, Hunger und eisige Kälte. Es gibt nicht genug zu essen. Nachts sind die Mütter auf den Feldern um aus gefrorener Erde Kartoffeln für ihre Kinder zu
kratzen. Auch die Mutter von Bronislaw Onsowicz ist nachts unterwegs. An einem Morgen wartet die Familie vergebens auf die Heimkehr der Mutter. Man findet sie auf einem der Felder. Sie ist in der
Nacht entkräftet erfroren. In ihren starren Händen hält sie kleine Kartoffeln, die sie für ihre hungernden Kinder gefunden hatte. Bronislaw muß in der Kolchose arbeiten. Er wird zu schwerer Arbeit im
Wald herangezogen. Als durch sein Versehen bei Arbeiten mit einer Sägemaschine eine Kuh ein Bein verliert, bezichtigt man den Jungen der Sabotage und will ihn erschießen. Er kann fliehen. Fortan lebt
er 14 Tage im Wald und versteckt sich, aber überlebt. Sein Bruder holt ihn zurück, nachdem Gras über die Sache gewachsen ist.
Als der zweite Weltkrieg beginnt, tauchen in Sibieren plötzlich polnische Offiziere auf, die Rekruten für eine polnische Armee gewinnen wollen. Sie locken die jungen Männer mit dem Versprechen, daß
sie nach dem Krieg nach Polen zurückkehren können. Bronislaw Onsowicz und sein Bruder melden sich. Drei Brüder und eine Schwester bleiben zusammen mit dem Vater in Sibirien. Sie haben ihre Heimat
nicht wiedergesehen und sind dort gestorben.
Bronislaw Onsowicz kommt nach dem Krieg 1945 nach Warschau und 1946 nach Krummöls, weil man gesagt hat, die Deutschen haben ihre Häuser verlassen und das ist jetzt Polen. Hier, in Schlesien, lernt er
Maria Grabowa kennen. Sie kommt ebenfalls weit aus dem Osten, aus einem Dorf mit Namen Nowosiólki. Es liegt in der Nähe von Tarnopol. Das war früher ebenfalls polnisches Gebiet und gehört heute zur
Ukraine. Auch Maria und ihre Familie treffen das Schicksal der Vertreibung, sie müssen fort, dürfen nicht bleiben. 12 Tage dauert ihr Transport aus der Heimat in den Westen. Sie landen in
Hirschberg.
Im Jahr 1950 heiraten Maria Grabowa und Bronislaw Onsowicz. Im folgenden Jahr wird die Tochter Irina geboren. Der Sohn Edward kommt im Jahr 1953 zur Welt und im Jahr 1964 wird ihr Sohn Boguslaw
geboren. Maria Onsowicz arbeitet 18 Jahre lang als Schrankenwärterin in Oleszna Podgorska/Krummöls. Mit 72 Jahren stirbt Maria Onsowicz im Jahr 2005. Vater Bronislaw fährt 40 Jahre lang zur Arbeit in
die Textilfabrik nach Greiffenberg. Er lebt heute als Rentner bei seinem Sohn Boguslaw in Oleszna Podgorska/Krummöls.
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Krummöls/Schlesien
