Krummöls / Schlesien
Krummöls / Schlesien

Aus einer kleinen Stadt an der Neiße

 

 

Wir reden von Schlesien und sind gedanklich gleich in Polen. Immer östlich der Neiße. Nur vergessen wir, dass es auch in Deutschland immer noch ein Schlesien gibt! Wenn auch nur „a kleenes Stickl“,  aber wo immer noch schlesischer Dialekt gesprochen wird, wo noch viel „nee, nee“  und „nu, nu“ gesagt wird, wo die Metzger noch Fleischer heißen und der Samstag Sonnabend und wo "viertel Zwölfe" die exakte Bezeichnung für 11 Uhr 15 ist. Die Rede ist von dem östlichsten Zipfel Sachsens, wo die Lausitz fließend übergeht in die Anfänge Niederschlesiens mit der wundersam schönen, alten Stadt Görlitz und ihrer Umgebung. Wen man hier trifft und was man hier erlebt, was man hier und von hier aus unternehmen kann, davon soll in diesem Blog künftig die Rede sein.

Kommentare, Anregungen, usw. willlkommen.

Sommer 2015

Neulich an der Neiße.

Die Leichtigkeit des Seins, nie war sie so erträglich wie heute. Ein warmer Sommernachmittag. Wir sitzen am östlichen Ufer der Neiße. Vor einem Restaurant unter großen Sonnenschirmen. Der Blick geht auf die Peterskirche und das alte Kondensatorenwerk VEB Görlitz mit seinem morbiden Charme. Uns trennt nur eine schmale Straße, die auf Deutsch griechischer Boulevard heißt, von den Wiesen, die bis hinunter zur Neiße reichen. Auf der anderen Seite vom Fluss die Uferstraße  mit ihren Gründerzeithäusern.

Ein Sonnenlicht, als wäre man in Südfrankreich. Es ist nicht mehr so heiß wie am Mittag. Um diese Zeit haben wir die Terrasse fast für uns allein.
Zwei ältere Herren sitzen einen Tisch weiter und philosophieren über den Lauf der Dinge. So laut, dass man es mitbekommt. Sie speisen dabei, ach was sage ich, nein, sie schmausen! Ein vorzüglicher Entenbraten läßt die beiden in Verzückung geraten. Ein Pole und ein Deutscher. Sie scheinen sich schon lange Jahre zu kennen. Der Mann aus Deutschland klagt bitterlich. Ein Jammer, dass er nicht schon früher an die Neiße, nach Görlitz gezogen sei. Seit ein paar Jahren ist er hier. Jetzt singt er das hohe Lied auf das hiesige Leben, auf die Menschen, das nahe Riesengebirge, den Charme der Stadt. Seine Vorfahren kämen aus Schlesien. Er sei fast wieder Zuhause.
"Weißt Du, dass ich oft hierher komme? Ich sitze dann hier, esse worauf ich gerade Lust habe, trinke ein gutes tschechisches Bier, die jungen Mädchen, die hier bedienen sind sehr freundlich und aufmerksam. Außerdem sind sie ausnehmend hübsch. Da kann mir Mallorca gestohlen bleiben. Ich habe dort alles verkauft."

Er nimmt die Serviette aus dem Kragen, wischt sich den Mund.

„Schau dir diesen Blick an, Darek“, und deutet auf die Peterskirche, „ich sitze hier am Wasser mit Dir mein Freund,  die Luft ist lau, und wir lassen es uns gut gehen. Ich kann Dich und Deine Frau zum Essen einladen, ohne dass ich arm werde. Ich zahle nicht mehr als in Frankfurt für mich alleine. Kein Gitarrenspieler, oder Geiger belästigt mich und kommt mit seinem Hut zu mir an den Tisch. Komm', stoß' mit mir an und lass' uns den Augenblick  genießen. Alt sind wir, aber noch nicht tot. Der Herr möge sich Zeit lassen, bis er uns zu sich ruft.“

Sie stoßen mit Wodka an.

„Du hast ja so recht,“ sagt Darek, „kann es sein, dass Du einiges gelernt hast von uns Polen? Ihr mit eurer Gründlichkeit und wir mit unserer Gelassenheit, ist das nicht eine gute Mischung?“

Ich sehe, wie der Deutsche nickt und höre von ihm ein fröhliches: „Na zdrowie.“

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Heufuderbaude.
Fronleichnam ist im heidnischen Sachsen kein arbeitsfreier Feiertag, in Polen wohl. Komm, lass uns auf den Heufuder fahren. Wir verabreden uns mit Freunden. 

"Bei diesem heißem Wetter? Wie kommen wir denn da hoch“, fragt die B., „Laufen?“

„Keine Sorge, die Kabinenbahn bringt uns bis vor die Baude!“

„Ich hab‘ Höhenangst!“, sagt der A.

„Dann musst du laufen, mindestens 3 Stunden“, sagt die B. zum A., „und wenn Du zur Baude kommst, gibt’s bestimmt nix mehr Kaltes zu trinken.“

Der A. hat keine Höhenangst mehr und wir fahren. Von Görlitz bis nach Bad Flinsberg sind es gerade mal etwas mehr als 50 Kilometer. Es ist ein wirklich schöner Sommertag. Auf den Straßen ist ruhiger Verkehr, es fehlen die Lastwagen. Die polnischen Helden der Landstraße haben heute frei. Wir fahren die Nationalstraße 30 über Lauban und biegen hinter Greiffenberg rechts ab. Nach kurzer Zeit, vorbei an der Burgruine Greiffenstein, erreichen wir Friedeberg, lassen die Stadt rechts liegen und sind schon bald am Ortseingang von Bad Flinsberg. Von dort geht es schon ziemlich steil den Berg hinauf zur Talstation der Kabinenbahn. Dort sind neue Parkplätze angelegt.

Es gibt auch Parkplatzwächter, das beruhigt die B. Ja, meint die B. gar, wenn das so ist, könne sie ja auch mal mit dem eigenen Auto hierher fahren, um mit Freundinnen zu wandern. Meine  weitaus bessere Hälfte gibt dann wieder ihre Sicht zum Thema „Autoklau in Polen“ zum Besten. „Geklaut wird überall und in Italien bestimmt mehr als in Polen.“ Ja doch. Und überhaupt. Punkt.
Die Gondelbahn ist gut ausgelastet, aber es ist noch angenehm und es herrscht kein Gedränge. Eine Schneise haben sie parallel zur Gondelbahn in den Berg geschlagen und eine breite Ski-Piste angelegt. Schon an der Talstation ist die Luft frischer als im heißen Görlitz. Man merkt schon das Gebirge. Die Fahrt hinauf und zurück kostet ungefähr sieben Euro pro Person. Mein Hund darf umsonst mit. Wir haben Glück und eine Gondel für uns allein. Der A. ist ganz tapfer, er fotografiert sogar. Erst uns alle reihum und dann die Umgebung. Ruhig schweben wir den Berg hinauf und genießen die Sicht, die sich uns bietet, und die mit jedem Meter, den wir an Höhe gewinnen, weiter wird. 
Oben, an der Bergstation, findet man direkt die alte Heufuderbaude. Es sind nicht einmal hundert Meter bis dorthin. Die klare Bergluft ist angenehm kühl und klar, trotz des heißen Sommertages. Die Baude liegt einige Meter höher als die Bergstation der Kabinenbahn, so dass sich beide Bauwerke optisch nicht in die Quere kommen. Die großzügig angelegte Terrasse vor der Baude ist gut besucht. Die Besucher sind international. Wir treffen auf Deutsche, Amerikaner, Polen, Holländer. Leider finden wir auf der Terrasse keinen Platz. Mensch, keine Stunde von Görlitz weg und man kann auf 1060 m Höhe sein!
Die Schaffgottsch'en gaben zum Bau der Baude den Grund aus ihrem Besitz her und noch einen Batzen Geld obendrauf. An der Talseite der Baude ist eine kleine Veranda angebaut. Ein verglaster Holzvorbau, der einige Stufen unterhalb vom eigentlichen Gastraum liegt. Bei schlechtem Wetter sitzt man hier geschützt und kann dennoch durch die Fenster gut ins Tal schauen. Hier finden wir noch ein Plätzchen für uns. 
Da in der Baude nicht bedient wird, gehen die B. und ich die paar Treppenstufen hinauf in die Gaststube und stellen uns ebenfalls in die Reihe der Wartenden, die  nach Essen und Trinken anstehen. Für die Bestellung von uns (ein kleines Bier, eine Cola, zwei Wasser) übe ich im Stillen die Bestellung auf Polnisch ein. Soviel kann ich. Außerdem will ich der B. imponieren. „ Dzień Dobry Pani, jedno małe piwo, jedno cola, dwa wody, proszę.” So müßte es eigentlich richtig sein. So sag ich’s dann auch artig zu der jungen, hübschen Bedienung hinter dem Tresen, als wir an der Reihe sind. Die B. steht hinter mir, aber ich sag’s so laut, dass sie es mitkriegen muss. Die Hübsche hinter dem Tresen nickt, sieht kurz auf und fragt: „Wasser mit oder ohne Gas?” Auf Deutsch! Wie furchtbar! Die B. hat sich aber nichts anmerken lassen.

Was für ein schöner Blick ins weite Land. Die Fernsicht ist so gut, dass man drunten im Tal weit weg die Liebenthaler Kirche grüßen sieht. In den Neunzehnhundertzwanziger Jahren wurde die Baude errichtet. Die Arbeiter blieben immer mehrere Tage, manchmal sogar Wochen hier oben. Hier waren sie von Allem abgeschnitten. So bekamen sie auch nichts mit von der Welt draußen, von der galoppierenden Inflation in diesen schlechten Zeiten. Das Geld wurde täglich weniger wert. Als die Männer wieder einmal einige Wochen auf dem Heufunder gearbeitet hatten, und ihre Löhnung erhielten, brachten sie Millionen Reichsmark mit nach Hause und freuten sich. Einer der Arbeiter war mein Großvater.  Er war gelernter Zimmermann. Meine Großmutter erzählte mir die Geschichte später. Sie hat für den gesamten Lohn beim Renner-Bäcker in Krummöls eine Schachtel Streichhölzer kaufen können. Der Unternehmer hatte seine Arbeiter betrogen. Ich muß hier oben immer an meinen Großvater denken. Kennengelernt habe ich ihn nie. Er wurde in den letzten Kriegstagen 1945 zum Volkssturm eingezogen. Man hat ihn zum Kämpfen für Führer, Volk und Vaterland noch in die Waldenburger Gegend geschickt, um „den Russen” aufzuhalten. Welch ein Irrsinn. Er kam nie mehr zurück. Niemand weiß, was mit ihm passiert ist. Meine Großmutter mußte ihren Josef Anfang der fünfziger Jahre für tot erklären lassen, damit Sie eine kleine Rente beziehen konnte. Wie furchtbar.
Es zieht mich immer wieder her, seit ich das erste Mal auf dem Heufuder war. Liegt’s am nicht gekannten Großvater, mit dem die Baude so verbunden ist? Seltsam, bis dato war er für mich nie  wirklich gewesen. Aber die alte Baude, sie spricht zu mir. Schön muß es sein, eine Nacht in der Heufuderbaude zu verbringen. Dort oben bleiben, wenn die letzte Gondel den Berg verlassen hat und Ruhe eingekehrt ist. Durch den Kopf geht es mir schon länger. Das wär’s.  Außer mir vielleicht nur noch ein paar Wanderer als Übernachtungsgäste. Die Dämmerung würde bald von tiefschwarzer Nacht abgelöst. Ein einfaches Quartier, eine gute Brotzeit und ein kühles Bier. Und dann vor der Baude sitzen. Über mir der weite schlesische Himmel, an dem mittlerweile unzählige Sterne glitzerten und unter mir das Tal mit den kleinen Dörfern und Städten, die mit ihren vielen Lichtern zu mir herauf leuchteten. Sicher würde ich glauben, in der Ferne auch "a poar klenne Lichtel" von Liebenthal zu erkennen, und dahinter Krummöls ahnen. Und dann in der alten Baude mich zum Schlaf legen, die der Großvater aus Krummöls mitgebaut hat. Ich glaube, ich wär’ richtig daheim.

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Der Stadtzeichner.
Arnold Busch ist wieder in der Stadt. Wir treffen uns regelmäßig, wenn wir beide in Görlitz sind. Seit dem letzten Jahr kennen wir uns. Busch ist begnadeter Zeichner und Künstler. Er lehrt und arbeitet in Görlitz und Gütersloh. In den Sommermonaten zieht es ihn nach Görlitz. Sein Atelier hat er in einer alten Fabrik in der Nikolaivorstadt. Ein angenehmer Zeitgenosse ist er, der Busch. Man kann gut mit ihm reden und diskutieren. Ein kluger Mann, der sich 2009 in die Schöne an der Neiße verliebte. Es ist ein Erlebnis mit ihm durch die Stadt zu wandern. Schier unglaublich, was der Mann an Wissen über die alten Häuser und Gassen in Görlitz hat. Heiß ist es wieder an diesem Abend. Wir sitzen in einem stillen Winkel in der Altstadt, trinken Bier und reden. Neulich war er auf Einladung eine Woche in Formine in Italien. Am Lago Maggiore liegt das kleine Bergdorf, dass man nur zu Fuß erreichen kann. Dorf und Landschaft hat er gezeichnet. Das Skizzenbuch ist voll. Man spürt es beim Erzählen: Richtig gut wird’s werden, was über Formine bei ihm demnächst entsteht. Busch ist ganz spannend, die Person, sein Werk. Ich wollte schon im letzten Jahr einen kleinen Film über ihn machen. Doch er wollte nicht so recht, jetzt habe ich ihn überredet …

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Fotoausstellung zu 25 Jahre Deutsche Einheit.

Oh mein Gott! Ich muss es erst auf FAZ-Online wieder lesen. Ein lieber Freund macht mich darauf aufmerksam. Längst gefasst war der Vorsatz, es hier zu posten. Einfach vergessen! Es geht um die  Ausstellung „Görlitz - Auferstehung eines Denkmals“. Unbedingt ansehen. Ich sah die beeindruckende Ausstellung schon vor etlicher Zeit in den KEMA-Hallen. Der alte Industriebau gibt die passende Kulisse her. 

Liebhaber des Denkmals, fahrt nach Görlitz und schaut euch die Ausstellung (und die Stadt) an!

Fotoausstellung von Jörg Schöner: Görlitz - Auferstehung eines Denkmals. 


PS.:

Die Ausstellung in Görlitz selbst ist leider beendet. Zu sehen ist die Ausstellung aber zur Zeit noch bis zum 8. Juli 2016 in den Lichthöfen Ost und West des Bundesrates in Berlin.

Nachdem die Ausstellung im Bundesrat im Juli 2016 beendet wurde, sind die Arbeiten ab September in großformatigen Fotografien in Dresden zu sehen.

 

Der Ausstellungszeitraum ist vom 7. September bis 18. November. Ausstellungsort sind mehrere Teile des Flughafens von Dresden. Ministerpräsident Tillich wird die Ausstellung eröffnen.

Zu sehen am Fischmarkt.

 Basta

Der Pfosten für das Verkehrsschild kommt da hin. Denkmalschutz hin oder her. Basta.
Gott sei Dank hat sich irgend jemand aufgeregt.

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© W. A. Knoblich